Wieviel Erde braucht der Mensch?

Vor ein paar Wochen hab ich die gleichnamige Kurzgeschichte von Leo Tolstoi gelesen und seitdem geht mir die Frage, die in diesem Titel steckt, nicht mehr aus dem Sinn.

Die Geschichte erzählt von einem Bauern, der zwar ein mühseliges Leben führt, aber eigentlich sein Auskommen hat. Er belauscht heimlich ein Gespräch zwischen seiner Frau und deren Schwester, die aus der Stadt zu Besuch beim Bauern weilt. Sie ist schick gekleidet, schwärmt vom luxeriösen Leben in der Stadt und weckt so den Neid der Schwester. Der Bauer grübelt, wie er sich und den Seinen zu einem angenehmeren Leben verhelfen kann und der Teufel kommt ihm in Gestalt eines Kaufmanns zu Hilfe. Dieser erzählt dem Bauern von einer Gegend, wo er für wenig Geld so viel Land kaufen kann, dass er sich nicht mehr sorgen muß. Und so verkauft der Bauer seinen kleinen Hof und zieht mit seiner Familie um. Er kann das neu erworbene Land nun nicht mehr allein bewirtschaften und hat allerlei Ärger mit der Verwaltung, dem Personal und neidischen Nachbarn.
Der Teufel kommt wieder in Gestalt eines Kaufmanns vorbei und erzählt ihm von einer Gegend im fernen Baschkirien, wo es soviel Land für so wenig Geld gibt, wo die Menschen freundlicher sind und ihn mit offenen Armen empfangen würden. Die Bauersfrau ist so gar nicht angetan von der Vorstellung, schon wieder alles aufgeben und umziehen zu müssen. Sie ist glücklich und zufrieden mit dem was sie haben. Der Bauer jedoch zieht los um das neue Land zu erkunden. Dort angekommen, geht er einen Handel mit dem Dorfältesten ein: er kann für eine kleine Summe soviel Land erwerben, wie er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang umlaufen kann. Der Bauer willigt ein und der er startet bei Sonnenaufgang. Es ist ihm unmöglich sich zu beschränken und so macht er viele Schlenker um möglichst viel Land zu erwerben. Er erreicht pünktlich zum Sonnenuntergang und mit letzter Kraft den Ausgangspunkt, fällt um und stirbt. Sein Knecht beerdigt ihn auf einem Stück Land, so groß wie der Bauern war. Continue reading “Wieviel Erde braucht der Mensch?”

Fitou

Ich habe Zeit verschenkt

Meine Zeit ist mir kostbar, ich überlege genau, womit und mit wem ich sie verbringe.
Normalerweise sind meine Tage ziemlich durchgeplant, weil ich meistens dermaßen viel um die Ohren habe, dass ich gar nicht umhin komme, genau zu planen wann ich was mache.
Aber manchmal kommt irgendwas unvorhergesehenes dazwischen. So letzte Woche.
Ein paar Häuser entfernt von uns wohnt ein älteres Ehepaar, beide so Mitte 80. So sind noch recht rüstig und mobil, trotz der vielen kleinen oder größeren Zipperlein die man in einem solchen Alter wohl hat. Wir haben so ganz netten Kontakt, unterhalten uns hin und wieder über das was in der Welt und im Dorf passiert, und als wir ihnen erzählten, dass wir nach Jordanien fahren, da waren sie ganz aufgeregt. Denn der Mann wollte da immer hin. Sein ganzes Leben hat er davon geträumt, die Stätten der Römer und Ausgrabungen der Antike zu sehen. In seiner Jugend hat er eine Rundreise durch Tunesien und Algerien zu den römischen Stätten Nordafrikas gemacht. Viele Jahre später ist er mit seiner Frau nach Rom und Pompeii gereist. Er hat mir davon erzählt, als wäre das gerade mal ein, zwei Jahre her.
Seitdem wir aus Jordanien zurück sind, haben mich beide mehrmals gefragt, wie es denn so war, ob wir viele Fotos gemacht haben, ob wir in Petra waren. Wir haben uns ganz kurz auf dem Weg zum Bäcker unterhalten, aber der Mann wollte noch soviel mehr wissen. Also hab ich mir mein iPad geschnappt und habe den beiden unsere Fotos (328!) gezeigt und erzählt, was wir erlebt und gesehen haben.
Der Mann kannte sich ganz gut aus mit der antiken und jüngeren Geschichte. Vieles hat er im Fernsehen gesehen und er wollte immer wissen, ob das alles wirklich so aussieht. Die Frau war tief beeindruckt von den Farben und konnte gar nicht glauben, dass Petra und Jerash so gut erhalten sind.
Ich hab 3 Stunden zwischen den beiden gehockt und wir haben völlig die Zeit vergessen.
Die Frau hat sich vielmals entschuldigt, dass sie mir nichts zu trinken oder zu essen angeboten hat, sie hat das völlig vergessen.
Dem Mann standen Tränen in den Augen, er hat sich so darüber gefreut, dass ich ihn auf eine virtuelle Reise nach Petra mitgenommen habe. Er wollte sein ganzes Leben dahin, hatte niemals wirklich genügend Geld für eine solche Reise und jetzt ist er alt und krank.
Irgendwie hat mich das traurig gemacht.

Für mich ist es heute relativ einfach die Welt zu bereisen, ich setze mir meine Grenzen selber (und ein paar skrupellose Politiker tun es auch, leider).
Ich hab zwar nicht geschafft, was ich mir für den Tag vorgenommen hatten, aber ich hab den beiden Alten eine Freude gemacht.

Meine Arbeit war immer noch da, die hat kein anderer gemacht 😉

P.S.: Ich hab lange überlegt, was ich für ein Foto auswähle und habe mich schließlich für eine alte Aufnahme aus Fitou entschieden. Leider weiß ich nicht, wann dieses Foto entstanden ist, aber ich mag es, weil es den zentralen Platz des alten Dorfes zeigt und hier so viele Menschen abgebildet sind.