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Grenzen und Bindungsmuster

Auf dem Weltkongress der Transaktionsanalytiker habe ich an einem Workshop teilgenommen, dessen Titel mich provoziert hat: Grenzen als Kraftquelle.
Grenzen nehme ich überwiegend als etwas war, was mich einschränkt, welche es zu verändern bzw. zu überwinden gilt.
Grenzen sind hier verstanden als innere Grenzen, Einschränkungen, die wir entschieden haben zu akzeptieren in einem frühkindlichen Stadium unserer Entwicklung. Es sind also Grenzen, die wir uns selbst gegeben haben, und die wir pflegen und verstärken, wenn wir nicht in der Lage sind, adäquat auf gegenwärtige Situationen zu reagieren.

Wie kommt es dazu?

Die Theorie über Bindungsmuster von John Bowlby liefert einen interessanten Ansatz dafür, wie frühe Verlust-und Trennungserlebnisse die Entwicklung von kindlichen Verhalten beeinflussen und dies auch noch das Verhalten im erwachsenes Leben bestimmen kann.

Bowlby definierte das Bindungssystem als ein primäres, genetisch verankertes motivationales System dar, welches zwischen der primären Bezugsperson und dem Säugling nach der Geburt aktiviert wird. Es hat überlebenssichernde Funktion.
Bindung entsteht aus der Abhängigkeit des Säuglings zu (in den meisten Fällen) seiner Mutter. Der Säugling sucht Schutz sobald er äußere oder innere Gefahr wahrnimmt, also wenn er Angst hat. Dies kann der Fall sein, wenn er sich von seiner primären Bezugsperson getrennt fühlt, körperliche Schmerzen hat, schlecht träumt oder fremde Personen auftauchen. Der Säugling signalisert der Mutter sein Schutzbedürfnis. Die Art, wie die Mutter drauf reagiert ist entscheidend für die Ausbildung des Bindungsmusters des Kindes.
Befriedigt die Bezugsperson angemessen das Schutzbedürfnis des Kindes, entwickelt sich eine sichere Bindung.
Wird das Bedürfnis des Kindes nur unzureichend und inkonsistent befriedigt, entsteht eine unsichere Bindung.
Das Bindungsmuster bildet sich also als Anpassung an Gefühle, Erwartungen und Verhalten zwischen dem Säugling und seiner primären Bezugsperson.

Im Krabbelalter beginnt das Kind seine Umgebung zu explorieren. Es entfernt sich also von seiner primären Bezugsperson um seine Umgebung zu erkunden und lernt, seine Trennungsangst zu überwinden, wenn es die Beziehung zu seiner Bezugsperson als emotional stabil erfahren hat. Die Bezugsperson setzt dem Kind Grenzen und gesteht ihm so den Freiraum für seine Erkundungen zu. In einer sicheren Bindung kann das Kind von seinen Erkundungen zurück kehren und sich noch immer emotional angenommen fühlen. Auf diese Art entwickelt das Kind ein Sicherheitsgefühl, es lernt mit der eigenen Angst umzugehen und wird selbstsicher (sich seiner selbst sicher).

Dies alles geschieht im ersten Lebensjahr des Kindes. Aber auch als Erwachsene aktivieren wir dieses Bindungsmuster, wenn wir uns in Gefahr fühlen.
Unser frühkindlich entwickeltes Bindungs- und Explorationsmuster liefert die Grundlage dafür, wie wir später in der Lage sind eine stabile, tragfähige Bindung zu anderen Menschen aufzubauen, zu erhalten und zu weiter zu geben.

Das positive daran, es ist veränderbar!
Das schwierige daran, es ein komplizierter, innerer Prozeß bei dem man lernen muß, seine inneren Grenzen zu erkennen, anzuerkennen und zu überwinden. Dieser Prozeß geht meist mit Abwehr einher und diese hat viele Gesichter:

Verdrängung – als Schutz vor einem als bedrohlich empfundenen äußeren Einfluß

Regression – unbewußter Rückzug auf ein frühkindliches Verhalten

Verleugnung – die Realität wird nicht in Gänze wahrgenommen

Vermeidung – Schlüsselreize werden vermieden

Projektion – ein Ereignis wird anderen Personen zugeschrieben

Rationalisierung – Affekte werden nicht ernst oder wahrgenommen

Somatisierung – die Nichtwahrnehmung eines Problems zeigt sich körperlichen Beschwerden

Idealisierung – Sichtweisen werden unbewußt überhöht oder abgewertet

Autoagression – Aggression gegen die eigene Person

All diese Mechanismen dienen letztlich dem Schutz vor einem bedrohlichen Ereignis, aber sie verhindern gleichzeitig eine positive Veränderung.
Solange man sich dieser Mechanismen bedient, braucht man sie noch. Sie schützen vor Überforderung, Angst (vor Veränderung), Verunsicherung, …
Werden sie weggenommen, verstärken sich diese Abwehrmechanismen.

Die Lösung liegt darin zu verstehen, warum wir uns dieser Abwehrmechanismen bedienen um in der Lage zu sein, mit Distanz, sozusagen von einer Metaebene aus, auf unser Verhalten, Denken und Fühlen zu schauen und zu überprüfen, inwieweit es situationsbezogen ist, also im Hier und Heute stattfindet, oder ob da ein alter, angelernter Prozeß aus unserer frühen Kindheit von uns stattfindet.
Mit diesem Prozeß kann eine Grenze zur Kraftquelle werden.

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