Seltsam

Bin ich seltsam?

Bin ich merkwürdig, schrullig, verschroben, wunderlich, von der Norm abweichend?

Jemand nannte mich seltsam, weil es ungewöhnlich für ihn ist, dass eine Frau mit Hingabe Wände verputzt, Naturstein Mauern und Fußböden baut, Fliesen verlegt und gern alte Häuser renoviert.

Keiner nannte mich seltsam, als ich Anlagen für die Reifenproduktion einkaufte, Vertriebsniederlassungen für einen Reifenhersteller aufbaute, Busse verkaufte. Allerdings schauten meine zumeist männlichen Kunden anfangs schon ein wenig gönnerhaft auf mich herab und liebten es, mein technisches Wissen zu testen. Seltsam fand ich dabei, dass dieses technische Wissen bei meinen durchweg männlichen Kollegen vorausgesetzt und niemals hinterfragt wurde. Glaubt mir, nicht einmal die Hälfte von denen konnte erklären wie eine Reifenproduktionsanlage oder ein Bus funktionierte.

Meine Eltern machten nie einen Unterschied zwischen Arbeiten, die vermeintlich eher für Frauen oder Männer geeignet sind und so habe ich mir lange Zeit überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, ob es seltsam für eine Frau ist Reifen aufzuziehen.
Für mich gibt es höchstens Arbeiten, die für die meisten Frauen körperlich zu schwer sind, beispielsweise Zementsäcke schleppen, aber da kann man sich ja starke, sprich männliche, Hilfe organisieren 😉

Ich find mich ehrlich gesagt überhaupt nicht seltsam. Aber die Bemerkung hat mich schon nachdenklich gemacht.
Dahinter steckt Stereotyp, ein festgelegtes Bild oder ein festgefügter Glauben den man von bestimmten Situationen, Personen oder Gruppen. Manchmal ist sowas hilfreich, um sich schnell in einer Situation zurechtzufinden. Aber es kann auch hinderlich sein, eine Situation zu hinterfragen und neu zu denken.

Irgendwie ist diese Bemerkung auch sexistisch: Frauen machen/können sowas nicht, das ist eher was für Männer.
Als wir nach Frankreich gezogen sind und angefangen haben unsere Häuser zu renovieren, habe ich ganz oft Sätze gehört wie “… das ist keine Arbeit für eine Frau..” oder “ lass das doch deinen Mann machen…”.
Wenn ich im Baumarkt oder Fachhandel nach Rat gefragt habe, hat man mir tatsächlich das ein und andere Mal erklärt, ich solle lieber meinen Mann vorbei schicken, das ist eine technische und daher sehr komplizierte Angelegenheit.

Das hat mich schon schockiert und wütend gemacht.
Mittlerweile wissen viele Leute hier, dass ich gern (und gut!) solche “Männerarbeiten” mache und akzeptieren das mit einem Lächeln.
Ich bin mir ziemlich sicher, viele finden mich gerade deshalb seltsam.

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